Selbst die Toten wurden über den Fluss geschafft

Geschichtswerkstatt erinnert an die Jahrhunderte alte Fährverbindung zwischen Gröpelingen und Lankenau

 

(veröffentlicht im Weser-Report am 23.09.07, im Stadtteilkurier-West des Weser-Kuriers am 27.09.07, im Bremer Anzeiger am 30.09.07 und in Maritimer Denkmalschutz Nr. 1/2008)

Lankenau 1950 Lankenau 1950

„In Lankenau, da ist der Himmel blau. Da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau.“ So beginnt der Lankenau-Film der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V., der auf dem Bremer Fährtag im Takt der Fährzeiten mehrfach in der Kaibar am Pier 2 vorgeführt wurde und sich eines großen Zuspruchs erfreute.

Noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren die beiden Dörfer Gröpelingen und Lankenau nur durch eine ca 200 m breite Fahrrinne der Weser voneinander getrennt. Durch den Bogen des 1886 begradigten Flusses war die Strömungsgeschwindigkeit des Wassers hier sehr niedrig. Im reicheren Gröpelingen war schon 1331 eine Kirche vorhanden, die bis 1750 auch von den Lankenauern mit benutzt wurde.

Nikolaikirche mit Kirchfriedhof um 1925 Nikolaikirche mit Kirchfriedhof um 1925

So herrschte an Sonntagen, zu Hochzeiten und Taufen ein reger Bootsverkehr zwischen beiden Ufern. Die Lankenauer mussten selbst ihre Toten über den Fluss schaffen, damit sie auf dem Gröpelinger Kirchfriedhof bestattet werden konnten. Als 1750 im benachbarten Rablinghausen auch für die Lankenauer eine Kirche eingeweiht wurde, endete die Gemeinschaft mit den Gröpelingern.

150 Jahre später wurde Lankenau von den Gröpelinger neu entdeckt. Grund dafür war der feinkörnige Sandstrand, der auch Bürger aus anderen Stadtteilen Bremens zum Badevergnügen einlud. Damit alles seine Ordnung hatte und allzu freizügiges polizeiwidriges Baden eingedämmt werden sollte, gründete man 1914 den Verein „Familien-Licht-Luft-Bad Lankenau“. Für Badewillige aus Gröpelingen und Walle richteten Privatunternehmen einen regelmäßigen Fährdienst ein. Unter ihnen der Fährbetrieb Bernhard Riedemann. Initiatoren der Vereinsgründung und des Fährbetriebes waren Mitglieder der Familie Wähmann, den Betreibern des Lankenauer Fährhauses. Im Fährhaus Lankenau wurden nicht nur Badegäste, sondern auch andere Ausflügler bewirtet. Ärmeren Arbeiterfamilien wurde sogar die Möglichkeit angeboten, sich ihren mitgebrachten Kaffee im Lokal selbst zu kochen. So wurde das Fährhaus zu einem beliebten Ausflugsziel.

Während des 2. Weltkrieges nahm die Badeherrlichkeit schon bald ein Ende. In den Jahren 1945 bis 1950 waren die Weser und das Lankenauer Ufer noch mit kriegszerstörten Schiffswracks übersäht. Das konnte echte Gröpelinger Butjer allerdings nicht daran hindern, ihrem Badevergnügen nachzugehen. Bei Flut wurden die Wracks als Sprungstationen und Badeinseln benutzt (s. Bild oben). Ein beliebter Sport war es, die Weser schwimmend zu überqueren, um den Molenwärterturm am Eingang des Überseehafens zu erreichen, der im Volksmund auch unter dem Namen Mäuseturm bekannt ist. Dies war wegen der Strömungsverhältnisse und der vielen Schiffswracks ein gefährliches Unternehmen und wurde seitens der Wasserschutzpolizei streng geahndet.

Der Fährbetrieb wurde nach dem Krieg zunächst von der Privatfirma Weber & Arneke mit den Schiffen "Roland" und "Wittekind" wahrgenommen. 1957 übernahm dann das Hafenamt den Fährbetrieb mit dem Kauf des Fährschiffes „Nordmark“ aus Lemwerder, das nun unter dem Namen "Gröpeln" zwischen den beiden Ufern verkehrte. Mit den Plänen für einen riesigen Containerhafen kam 1964 das Ende für das Badeparadies im Dorf Lankenau. Dort, wo sich früher die Badegäste tummelten und die Kühe der Lankenauer Bauern weideten, findet heute der Umschlag von Schiffscontainern statt.

 

Redaktionelle Ergänzung vom 15.04.2012

Die Gröpeln in Nicaragua (Foto: Markus Bibelriether) Die Gröpeln in Nicaragua (Foto: Markus Bibelriether, Nürnberg)

Die „Gröpeln“ aber transportierte noch 17 weitere Jahre lang Arbeiter von der anderen Weserseite zur Gröpelinger Werft AG-Weser und wurde als Aushilfsfähre auch zwischen Motzen und Blumenthal in Bremen-Nord eingesetzt. Sie wurde nach der Einstellung sämtlichen Fährbetriebes zwischen der Werft und dem anderen Ufer im Jahr 1982 an Nicaragua verschenkt, um dort der einheimischen Bevölkerung als Versorgungsschiff zu dienen.

 

Auf dem Weg zu ihrem Einsatzort strandete die Gröpeln im Dezember 1982 auf einer Sandbank im Rio San Juan, 22 km vor der Ortschaft El Castillo. Sie wurde dort unter Bewachung zurückgelassen und im Mai 1983 von einer Rebellengruppe des Ex-Sandinistenführers Eden Pastora unter Beschuss genommen.

Über dieses weitere Schicksal des Fährschiffes berichtet unsere Website "Die Gröpeln in Nicaragua".