Gröpelinger Fährschiff in fernen Gefilden

Vom Schicksal der MS "Gröpeln" in Nicaragua

 

Pressemitteilungen vom 21.04. und 16.09.2012

(in Teilen veröffentlicht in der Syker Kreiszeitung und der Oldenburger Nordwestzeitung am 24.04.2012, im BREMER WESTEN am 26.04. und 19.09.2012, in der Bremerhavener Nordseezeitung am 28.04.2012, in der Zevener Zeitung am 01.05.2012, im Stadtteilkurier-West der Bremer Nachrichten und des Weser-Kuriers am 03.05. und 20.09.2012, im BREMER-ANZEIGER-Ausg.West am 06.05. und 19.09.2012, in Maritimer Denkmalschutz Nr. 2/2012, im Weser-Report Ausg. West am 16.09.2012 und in der Radio-Bremen-Fernsehsendung "buten un binnen" am 19.09.12)

 

Die Gröpeln in Lankenau 1958 Die Gröpeln in Lankenau 1958

Die Gröpelinger erinnern sich noch gerne:

In den 1950er und frühen 1960er Jahren fuhr man mit der Fähre „Gröpeln“ rüber zum feinkörnigen Sandstrand in Lankenau. Als das Badevergnügen 1964 durch den Bau der Neustädter Containerhäfen jäh beendet wurde, transportierte die „Gröpeln“ Arbeiter von der anderen Weserseite zur Werft AG-Weser und wurde zwischenzeitlich auch in Bremen-Blumenthal eingesetzt. Im Jahr 1982 wurde sie im Auftrag des Bremer DGB in Zusammen-arbeit mit dem Bremer Senat als Zeichen der internationalen Solidarität nach Nicaragua verschenkt, um als Versorgungsschiff für die einheimische Bevölkerung beim Aufbau des Landes Hilfe zu leisten. Seitdem hatten sich die Spuren verwischt und viele Gröpelinger fragen immer noch nach dem Verbleib des Schiffes.

Angeregt durch mehrere Besucher auf ihrer hoch frequentierten Veranstaltung „110 Jahre Oolt Gröpeln“ Anfang April, hat die Geschichtswerkstatt Gröpelingen die Spur wieder aufgenommen und stieß bei ihrer Internetrecherche auf spektakuläre Fotografien und Nachrichten aus Nicaragua.

 

Die „Gröpeln“ war als Versorgungsschiff für die Inselgruppe Solentiname im südlichen Nicaragua-See vorgesehen, der Heimat des weltbekannten sandini-stischen Befreiungskämpfers, Priesters und Dichters Ernesto Cardenal.

Der Weg dorthin führte ca 200 km den Fluss San Juan aufwärts, auf einer historischen Route, die vor dem Bau des Panama-Kanals die schnellste Verbindung zwischen Karibik und Pazifik darstellte.

So wurde die „Gröpeln“ Ende August 1982 von einem Hapag-Lloyd-Frachtschiff vor Bluefields an der karibischen Küste auf Reede gesetzt, um eine einheimische Überführungsmannschaft an Bord zu nehmen. Bis zur Einfahrt in den weiter südlich gelegenen Rio San Juan unterrichtete der Beauftragte des Bremer Hafenbauamtes Claus Ferner die "Nicas" in der Bedienung des Fährschiffes. 

Die zweite Reise zur Gröpeln 1982 Die zweite Reise zur Gröpeln 1982 (Foto: Heidrun Lotz)

Begleitet wurde die Crew von den deutschen Kameraleuten Manfred Vosz und Valentin Schwab, die einen Dokumentarfilm zu dieser Aktion erstellen wollten. Die Reise endete auf halber Strecke 30 km vor der alten Festung El Castillo, die 1672 von den Spaniern gegen englische Piraten errichtet worden war:

Der einheimische Flusslotse hatte wegen gefährlicher Untiefen von einer Weiterfahrt vor der nächsten Regenzeit abgeraten.

 

Das Filmteam reiste im Dezember 1982 zusammen mit einer nicaraguanischen Bergungsmannschaft zum zweiten Mal an. Beim Versuch, die Gröpeln mit Hilfe eines Schiffes von Holzflößern über Stromschnellen zu ziehen, lief sie 22 km vor El Castillo auf eine Sandbank auf und musste unter Bewachung zurückgelassen werden. 

 

Am 3. Mai 1983 sichteten Söldnertruppen des Ex-Sandinisten Edén Pastora die Gröpeln auf der Sandbank und beschossen das Fährschiff mit Panzerfäusten und Granatwerfern so, dass sie auf Dauer manövrierunfähig wurde und die Wachsoldaten der Regierung fliehen mussten.

Die zerstörte Gröpeln Einschusslöcher (Foto: Markus Bibelriether)

Nach der Nachricht über den Beschuss der Gröpeln und der Annahme, die "Contras" von Pastora hätten sich wieder zurückgezogen, organisierte Valentin Schwab zusammen mit der Journalistin Heidrun Lotz, der Ehefrau von Manfred Vosz, einen dritten Drehversuch.

Mit von der Partie waren zwei Mitglieder der sandinistischen Jugendorganisation Juventud, ein Bootsführer und das Medico-International-Mitglied Walter Schütz, der die Verwendung der Gröpeln als Ambulanzschiff in Betracht gezogen hatte

 

Auf dem Weg zur Gröpeln wurde das Boot der Anreisenden am 24. Mai 1983 von Pastoras Söldnern unter Beschuss genommen. Die drei leichtverletzten "Nicas" halfen den drei schwerverwundeten Deutschen, sich am Ufer zu verstecken und eilten davon, um Hilfe zu holen. Die Deutschen wurden von den Contras entdeckt, gefangen genommen, notdürftig medizinisch versorgt und nach Costa Rica entführt. Heidrun Lotz verlor bei dem Überfall ein Auge. Manfred Vosz konnte die Freilassung und die medizinische Versorgung der drei Entführten von Deutschland aus in mühseligen Verhandlungen durchsetzen.

 

Die während der Reisen gemachten Filmaufnahmen wurden Ende 1983 nach Texten von Heidrun Lotz und Günter Wallraff und einem Drehbuch von Manfred Vosz zum Film „Die nackten Füße Nicaraguas“ verarbeitet. (Regie: Manfred Vosz und Rolf Neddermann)

 

Die Gröpeln vor El Castillo Die Gröpeln vor El Castillo (Foto: Markus Bibelriether)

Im Jahr 1986 unternahm der Fotograf Markus Bibelriether im Rahmen der Städtepartnerschaft Nürnberg mit der nicaraguanischen Stadt San Carlos eine Reise zu den Ufern des San Juan und machte eine Reihe von sehenswerten Bildern. Darunter waren auch Fotos von der Gröpeln, die inzwischen unter der Leitung von zwei Bremern, dem Schiffs-ingenieur Claus Ferner und dem Kapitän Hans-Joachim Knie, mit speziellem Bergungsgerät weiter flussaufwärts in flaches Gewässer gegenüber der Festung El Castillo verbracht worden war.

(s. auch http://www.fotocommunity.de)

 

An dieser Stelle konnte die Gröpeln mit Hilfe von Medico International, bremischen Behörden und der "Nicaragua-Solidarität des DGB Bremen" vollständig repariert und mit einem neuen Anstrich versehen werden. Sie erreichte im Oktober 1988 mit eigener Motorkraft die Stadt San Carlos am südlichen Nicaragua-See und diente u. a. beim Wirbelsturm "Joan" als Evakuierungsschiff für die Bevölkerung.

Astillero El Diamante Astillero El Diamante bei Granada (Foto: La Prensa)

 

Bei weiteren Recherchen der Geschichts-werkstatt ergab sich, dass das Schiff danach im Auftrag der nationalen Hafenbehörde EPN zur Werft (Astillero) "El Diamante" bei Granada gefahren wurde, um einen provisorisch behobenen Unterwasserschaden endgültig reparieren zu lassen und einen eventuellen Umbau vorzunehmen.

 

Entgegen dieser Absicht wurde die Gröpeln nach einer Meldung der nicaraguanischen Zeitung La Prensa vom 21. März 2011 im Jahr 2010 an den Werftbesitzer verkauft und von diesem abgewrackt. Hintergrund waren die jahrelange Untätigkeit der nicaraguanischen Behörden nach dem Regierungswechsel 1990, Besitzansprüche von verschiedenen Seiten und die Tatsache, dass zwei Schiffe aus Schweden den Dienst übernommen hatten, für den ursprünglich die Gröpeln vorgesehen war.

 

Auf Befragen der Zeitung, warum das historische, im Zeichen der internationalen Hilfe gespendete Schiff verschrottet worden sei, soll der Werftbesitzer Milton Arcia geantwortet haben, er habe das Altmetall zur Herstellung von Kochtöpfen weitergegeben. (s. auch La Prensa unter "El Groppel")

Die Gröpeln auf der Werft  El Diamante Die Gröpeln auf der Werft El Diamante (Foto: Nicaorel)

Die Geschichtswerkstatt Gröpelingen hat ihr zahlreiches Material zu einem 26-minütigem Geschichts-video zusammentragen, das am 20. September 2012 im Rahmem der Maritimen Woche im Roten Saal des Hafenmuseums "Speicher XI" erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. (s. auch Radio-Bremen-Fernsehsendung "buten un binnen" vom 19.09.12)

Am 25.01.2013 gab es eine 2. öffentliche Vorführung im Nachbarschaftshaus "Helene Kaisen" Beim Ohlenhof 10 in Gröpelingen.