Grabsteinrettung Nr. 2

Geschichtswerkstatt sorgt für die Erhaltung des Grabsteins der Familie Timmermann

 

(veröffentlicht am 07.04.2011 im Stadtteilkurier-West der Bremer Nachrichten und des Weser-Kuriers und teilveröffentlicht am 20.07.2011 im buten-un-binnen-Beitrag von Radio-Bremen-TV)

Als die Geschichtswerkstatt Gröpelingen vor zwei Jahren den Grabstein der Familie Juchter an der Andreaskirche aufstellen ließ (s. Asyl für alte Gröpelinger Grabsteine), musste sie sich fragen lassen, ob sie nur die Grabdenkmäler alter Bauerngeschlechter für erhaltenswert halte. In dieser Woche erhielt erstmals der Grabstein einer Brinksitzer- und Schiffbauerfamilie dauerhaftes Asyl an der Mauer der Kirche an der Danziger Straße. Hintergrund dieser Aktionen ist die Tatsache, dass bei der Aufgabe von Grabstätten das Grab behördlicherseits nicht nur eingeebnet wird, sondern auch die Grabsteine dem Straßenbau zum Zermahlen übergeben werden. Ohne das Tätigwerden von Geschichtswerkstätten und ähnlichen Einrichtungen würde nichts mehr an die ehemaligen Besitzer erinnern. Der Vorstand der Evangelischen Gemeinde Gröpelingen und Oslebshausen hatte wenige Tage zuvor seine Zustimmung gegeben.

Die Familie Timmermann führt ihre Gröpelinger Wurzeln bis auf das Jahr 1793 zurück, dem Geburtsjahr des Stromwächters und Brinksitzers Hinrich Raschen aus Wasserhorst, der um 1825 mit seiner gesamten Familie nach Gröpelingen umsiedelte, aber auch dort zur untersten Kaste der Landbesitzer bzw. -pächter gehörte. Seit dem Mittelalter waren Brinksitzer diejenigen in der ländlichen Bevölkerung, die das Land am Rande der großbäuerlichen Betriebe am sog. Brinkwald beackerten. Ihre gesellschaftliche Stellung war niedriger als als die der Kötner, der Kleinbauern. Die Gröpelinger Geschichte ist voll von Ereignissen, in denen die Brinksitzer um mehr Rechte kämpfen mussten. Mitte des 19. Jahrhunderts heiratete eine Enkelin Hinrich Raschens den Küper Johann Albert Timmermann aus Bremen-Neustadt. Johann Hinrich Timmermann, der Sohn der beiden, war 1905 einer der ersten Schiffbaulehrlinge auf der in Gröpelingen neuentstandenen Werft AG-Weser. Sein polizeilich vorgeschriebenes Arbeitsbuch weist ein äußerst wechselvolles Arbeitsleben auf, da schon damals das Prinzip "hired and fired" (angestellt und gleich wieder entlassen) bei den Arbeitgebern üblich war. Nach erfolgreicher dreijähriger Lehre wurde er noch 17 Monate auf der Werft beschäftigt und musste sich danach als einfacher Arbeiter bei der Bremer Firma Anton Günther für einen Monat verdingen. Im Januar 1910 fand er wieder für 3 Monate Arbeit als Schiffbauer auf der AG-Weser. Von April 1910 bis März 1911 arbeitete er in Hamburg nacheinander bei Blohm und Voss, bei der Hamburger Niederlassung des Stettiner Vulcan, bei Stülcken & Sohn und in der Schiffswerft Reiherstieg.

Dann ging es für 3 Monate zu den Howaldtswerken nach Kiel, für 3 Tage zur Schiffswerft Kremer & Co in Elmshorn, für 1 Monat zur Seebeck-Werft in Bremerhaven und für 10 Tage zur Tecklenborgwerft in der gleichen Stadt. Von August bis Dezember 1911 arbeitete er in der Schiffs- und Maschinen-bau-AG Mannheim. Im Jahr 1912 erhielt er ein für damalige Verhältnisse lukratives Angebot, als Schiffbauer auf einer Werft in Gallatz, Rumänien, zu arbeiten.

 

Ein Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges heiratete er im Juli 1913 in der Gröpelinger Nikolai-Kirche Frieda Eichhorn aus Elbing (Ostpreußen), die er in einem seiner auswärtigen Arbeitsorte kennengelernt hatte. Johann Hinrich Timmer-mann nahm 1918 aktiv an der Novemberrevolution teil und war wie die meisten Werftarbeiter ein eifriger Anhänger des Arbeiter- und Soldatenrates in Bremen.

 

Er überlebte die Niederschlagung der Räterepublik, nachdem er - Erzählungen in Familienkreisen zufolge - sein Gewehr auf der Flucht vor den nachsetzenden Gerstenberger-Truppen im Garten seines Hauses in der Lupinenstraße 11 vergraben hatte. Er lebte in diesem Haus bis zu seinem Tode 1973. Seine Enkelin Ilse Andrianopoulos, die nach Delmenhorst gezogen war, pflegte das Grab ihrer Großeltern bis 2010 und musste es dann aufgeben.


Mitglieder der Geschichtswerkstatt verbrachten am 28.03.2011 mit Hilfe eines 3 m hohen Stahlbocks und eines 2-Tonnen-Kettenzuges den ca 400 kg schweren Grabstein vom Gröpelinger Friedhof an seine letzte Ruhestätte direkt neben dem Grabmonument der Bauernfamilie Juchter an der Kirchenmauer in der Danziger Straße. Auf Veranlassung des neu gewählten Kirchenvorstandes wurde 14 Monate nach diesem Ereignis der Stein wegen seiner "schöneren Rückseite" von seinem Betonsockel gelöst und umgedreht. Entgegen dem Willen der Geschichtswerkstatt weist die Inschrift nun auf eine historisch uninteressante Einzelperson der Familie und nicht auf die Familie als Ganzes hin.