...ein Koloss kommt in die Jahre

Eine Broschüre über die Getreideverkehrsanlage

Die im Eigenverlag erschienene Broschüre der Autoren Günter Reichert, Jens Zimmerling und Karin Pfitzner-Brauer beschreibt das 1915 begonnene und immer wieder baulich erweiterte einmalige Industriedenkmal im Bremer Getreidehafen. Die Getreideverkehrsanlage war einmal der größte Getreidespeicher Europas und gehört noch heute zu den größten mit Backstein verkleideten Gebäuden der Welt.
Die Geschichtswerkstatt kämpft zusammen mit anderen Gröpelinger Initiativen für den Erhalt dieses Gebäudes, das durch die Planungen für den benachbarten Space-Park (heute: Waterfront) schon einmal mit Abriss bedroht war.

Weser-Kurier 31. 08. 2000
Rückenstärkung für einen Koloss - Bilder und Texte zur Geschichte der Getreideanlage / Wunsch: Gebäude erhalten
Von unserem Redakteur Wigbert Gerling

Sie haben gesichtet, geprüft, gelesen und schließlich geschrieben - und stets war auch "ein bisschen Wehmut" dabei:
Die Geschichtswerkstatt Gröpelingen hat die Geschichte der Getreide-Verkehrs-Anlage (GVA) aufgearbeitet und in einer Broschüre dokumentiert. Titel: "... ein Koloss kommmt in die Jahre."
"Es ist wirklich Wehmut dabei - die Getreideanlage ist schließlich ein letztes Stück Alt-Gröpelinger Identität", sagt Günter Reichert. Zusammen mit Karin Pfitzner-Brauer, Hedda Weiß und Jens Zimmerling gehörte er zu dem Vierer-Team, das in zweijähriger akribischer Arbeit die 30- Seiten-Broschüre erarbeitet hat. Fündig wurden die Stadtteil-Historiker unter anderem im Staatsarchiv, an der Uni, bei der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft und vor allem auch beim Hansestadt Bremischen Hafenamt, das zahlreiche Fotos aus der Geschichte des Kolosses beisteuern konnte.
Die Ausmaße der GVA, die nach den Recherchen der Geschichtswerkstatt zwischen 1914 und 1916 gebaut wurde, sind in der Tat kolossal. Das Gebäude ist gut 40 Meter hoch und hat eine Seitenlänge von rund 200 Metern. "Es ist das größte Backsteingebäude Europas", betonte Reichert. Muss es eines Tages dem Space Park weichen?
 Nicht zuletzt diese Perspektive war ein Anlass für die Herausgabe der Broschüre, die ab morgen in Gröpelingen zum Preis von sieben Mark zu haben sein wird. Pferdefuhrwerke - aber auch schon motorisierte Gespanne - transportieren 1928 Getreide aus der Anlage ab, im Inneren begutachtet ein vornehmer Herr mit Hut die Getreidehaufen auf dem Boden -dies sind zwei der vielen historischen Fotomotive in der Broschüre. Der Textteil ist immer wieder gespickt mit Berichten von Zeitzeugen. Unvergessen, als es in den 80er Jahren oft Verärgerung im Stadtteil gab, wenn Schiffe ihre Tapioka-Ladung löschten und sich der Staub sogar in GröpelingerWohnungen ausbreitete. Ein Augenzeuge und Beschäftigter der Anlage kommt zu Wort. Er erinnert sich, dass sich ein Anwohner bei offenem Fenster abends ins Bett gelegt hatte:
"Wir sind dann nachts um zwölf Uhr angefangen zu löschen. Und wie der morgens aufwachte, hat er gedacht, er war' tot. Alles voll." Wie ein "Schneemann" habe der mit Staub überzogene Gröpelinger ausgesehen.
Die Stadtteil-Forscher machen keinen Hehl daraus, dass sie sich den Erhalt des Gebäudes wünschen. "Das ist so groß, da könnte man sich unterschiedliche Nutzungen nebeneinander vorstellen", erklärte Jens Zimmerling. Denkbar wäre unter anderem ein Museum für Transport und Verkehr. Ein Abriss, so hat die Geschichtswerkstatt gehört, würde jedenfalls zwischen 30 und 60 Millionen Mark kosten.

 

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